Kulm 1918 - Ende und Anfang

Der dritte und letzte Band der Kulm-Trilogie spielt zur Zeit des Wandels von der Monarchie Österreich-Ungarn zur Republik Deutschösterreich. Erhältlich bei BoD, thalia.at, amazon, über den Buchhandel oder bei mir.

ISBN 9783746079097

 

Der erste Weltkrieg neigt sich seinem Ende zu und hat auch im abgelegenen Puch seine Spuren hinterlassen. Karoline, Tochter eines reichen Geschäftsmanns aus Graz, kehrt an den Ort ihrer Sommeraufenthalte zurück, um hier Ruhe und ihre alten Freunde wiederzufinden. In der Zeit des Umbruchs muss sich aber selbst ihre große Liebe schweren Prüfungen stellen.

Figurenskizzen Gund Wieser
Figurenskizzen Gund Wieser

Leseprobe

PROLOG

 

Sie fuhr schreiend hoch. Hatte jemand ihren Namen gerufen? Es war bereits Tag. Sie war doch gerade erst todmüde ins Bett gefallen. Und wieder dieser Traum. Dass er weg wäre, der Kulm, ihr geliebter Berg. Einfach weg. Diesmal war ein Bombenkrater dort gewesen. Das letzte Mal war er unter ihren Füßen geschrumpft, beim Versuch, ihn zu besteigen.

Karoline beutelte den Kopf. Ja, jemand rief ihren Namen. Klopfte an die Türe des Kämmerchens, das sie mit zwei anderen Schwestern teilte.

 ”Komm ja schon!“

Sie musste sich nicht anziehen, war gestern in der Uniform eingeschlafen. Nur die Schürze war umzubinden. Das Haar zusammenzufassen, unter das Kopftuch zu schieben.

Sie trat aus dem Holzbau, in dem sie untergebracht waren. Der Morgen war sonnenhell, fast blendend. Sie brauchte einen Moment, sich zu orientieren. Es war erst eine Woche her, dass sie an diesen Frontabschnitt verlegt worden waren. Sie trauerte dem Kloster nach, das war ein angenehmes Lazarett gewesen. Eine Baracke glich hier der anderen. Rechts. Sie musste nach rechts. Dort standen auch schon zwei der Lastwagen, die die Verwundeten herbrachten. Man hatte bereits ausgeladen.

Auf der ersten Trage leuchtete ihr ein struwweliger Haarschopf entgegen, blutüberströmt. Bitte nicht. Er war doch in Italien. Aber was wusste man schon in diesem Krieg. Sie wurden quer durch Europa gekarrt, Soldaten, Schwestern, Tote auf Urlaub …

Nein, er war es nicht. Das war ein junges Bürscherl, höchstens siebzehn. Sie atmete auf. Doktor Grünstein war offensichtlich bereits hier gewesen, auf den Beinen des Jungen lag ein Zettel, darauf war ein großes H geschrieben, in der schwungvoller Handschrift des Chirurgen. Hoffnungslos. Unrettbar. Karoline blickte dem Jungen nicht ins Gesicht, als sie an ihm vorbeiging. Möge Gott ihm gnädig sein, dachte sie automatisch.

Ein dritter Sanitätswagen bog in den Hof. Sie sah Doktor Grünstein in der Baracke verschwinden, die ihnen als Operationssaal diente. Ihre Hoffnung auf einen Kaffee oder gar ein Frühstück löste sich in Luft auf. Sie eilte an den weiteren Tragen vorbei, die ausgeladen worden waren. Doktor Grünstein mochte es nicht, warten zu müssen.

Zum Glück hatte sie in der Nacht noch alles vorbereitet, so wie er es wollte. Egal wie müde sie war. Allzeit bereit. Die Verwundeten kamen zu jeder Uhrzeit, wie es denen in den Gräben gelang, sie herauszubringen. Hatte sie den Granatendonner heute Nacht nicht nur geträumt.

Der erste Patient lag bereits auf der Holzpritsche, die als Operationstisch herhalten musste. Still und blass lag er da, schrie und jammerte nicht. Ein schlechtes Zeichen bei den schweren Fällen. Und ein schwerer Fall war er, sonst läge er nicht als Erster hier. Schwer, aber hoffnungsvoll, sonst läge er auch mit einem H vor der Baracke … Zumindest würden sie nicht amputieren müssen. Sein Bein war bereits weg. Ein blutiger Stumpf, aus dem der Knochen herausragte. Draußen hörte sie weitere Verletzte wimmern und brüllen. Es würde ein langer Tag werden. Mal wieder. Was gäbe sie nur für einen Kaffee. An Tagen wie diesem hasste sie Frankreich, nicht nur den Krieg.

Kapitelleiste Veronika Tanton
Kapitelleiste Veronika Tanton

Geschichtliche Details

Das Ende des ersten Weltkrieges nun - tja, hier ist nicht nur das Grauen ein Thema (das ich in meinen Büchern nicht ausschlachten will), das diese Zeit beherrschte, hier spielen dann auch Dinge wie private Interessen eine Rolle - einerseits bin ich bestrebt, historisch korrekt zu schreiben, andererseits gibt es so ziemlich alle der Familiennamen, die 1918 Puch beherrschten, auch heute noch und ich will niemandem zu nahe treten... So habe ich mich nach langem Überlegen dazu entschlossen, geografisch korrekt zu sein (so gut es geht), aber die Finger von privaten Anekdoten und G'schichtln zu lassen.