Lass uns träumen fort und fort

Band zwei der Orcas Island Trilogie ist im Frühjahr 2020 erschienen.

 

Werden Mike und Mia zueinander finden oder wird Mikes Hand ihnen einen Strich durch die Rechnung machen?

 

Erhältlich im Buchhandel, bei BoDthalia.at, amazon oder über meinen Shop.

Leseprobe:

Ich war verrückt. Das war aufregend. Aber völlig verrückt.
In Sichtweite vor mir die große Schiebetüre, der ich mich mit meinem Gepäckwagen näherte. Auf ihm all mein Hab und Gut, zwei Koffer und eine Reisetasche. Verrückt. Herrlich verrückt.
Ich hielt inne, ließ die anderen Passagiere an mir vorbei, die nach dem langen Flug ebenso übermüdet und klimaanlagengeschädigt wirkten wie ich. Noch einen Moment hier am Rande der Halle stehen und durchatmen.
Meine linke Hand juckte wieder. Ich befreite sie von ihrem Handschuh, den ich nach der Landung übergezogen hatte, um mich beim Hantieren mit Koffern und Gepäckwagen und bei den langwierigen Einreiseformalitäten in die USA geschützt zu fühlen. Die zweite Einreise innerhalb von zwei Monaten, und doch war alles anders. Damals war ich vor mir selbst davongelaufen, diesmal lief ich auf etwas zu.
Ich atmete noch einmal tief durch, als gäbe es jetzt noch etwas zu entscheiden, als gäbe es jetzt noch ein Zurück. Nein, da war kein Hauch eines Zweifels. Ich wollte nur meine Nerven beruhigen, die flatterten, wie vor meinem ersten Sprung vom Zehnmeterbrett.
Einhändig schob ich den Gepäckwagen auf die Schiebetüre zu. Wie im Sommer. Doch diesmal würde Mia dahinter warten, jene Frau, die ich heiraten würde, obwohl wir einander erst vor zwei Monaten begegnet waren.
Meine Mia, die verrückteste und stärkste Frau, die ich kannte.
Die Türe öffnete sich und ein Schallteppich aus Begrüßungen, Handyläuten und Aufzugmusik schwappte mir entgegen. Gelangweilte Taxifahrer, die Namensschilder halbherzig hochhielten, kleine Kinder, die aufgeregt hüpften und sich die Hälse verrenkten, um bei den Schiebetüren hineinzusehen, Menschen, die einander lachend in den Armen lagen. Und mir gegenüber, ganz vorne in dieser Menge, sie. Die Haare wie immer aufgesteckt, einige Strähnen wie immer widerspenstig aus dem Dutt herausgerutscht. Diese strahlenden Augen, die ich die letzten sechs Wochen täglich bei unseren Skype-Gesprächen nur bildschirmgefiltert hatte betrachten können. Ich meinte, mein Lächeln müsste mir das Gesicht zerreißen, so sehr freute ich mich, sie zu sehen.
Ich stellte meinen Gepäckwagen neben ihrem Rollstuhl ab, einen kurzen Augenblick verharrten wir nervös voreinander.
„Hallo Einarm.“
„Hallo Rollbein.“
„Lange nicht gesehen.“
„Viel zu lange.“
Ich legte meine rechte Hand in ihren Nacken, beugte mich vor und küsste sie. Wie vertraut waren wir uns die letzten Wochen via Skype geworden, wie nahe war sie mir da am anderen Ende der Welt gewesen, und nun, in dieser halben Umarmung, wie fremd schien sie mir, wie weit weg. Wie sehnte ich mich danach, sie an mich zu drücken, doch der Rollstuhl machte es nicht einfach, zwang uns zu einer unbequemen Distanz.
Jemand stieß gegen meine linke Hand, die ich sicherheitshalber etwas von mir gestreckt hatte. Sie sollte Mia in dieser ersten Begrüßung nicht berühren, und nun wurde sie berührt. Idiot, was hatte ich sie nicht in meine Jackentasche gesteckt, dann hätte ich mir diesen schmerzhaften Blitz und die Welle an Bildern eines frustrierten Geschäftsmannes erspart. Mia hatte mein Zucken bemerkt, sie löste sich und blickte dem fremden Passagier nach, der sich suchend umsah.
Ich verzog leicht den Mund. „Selbst schuld.“ Und steckte meine Linke endlich in die sichere Jackentasche.
Ein verlegenes Lachen, der Bauch so voller Gefühle, das Herz übergehend, voller Liebe und Aufregung.
„Du bist tatsächlich da. Ich habe mich bis jetzt nicht getraut, es zu glauben.“ Ihre Hände legten sich an meine Wangen, das Leder ihrer fingerlosen Handschuhe war weich und warm, sie zog mich zu sich hinunter für einen weiteren Kuss.
Ich verlor ein wenig das Gleichgewicht, musste mich an der Rückenlehne ihres Rollstuhls abstützen und brachte uns beinahe zum Umkippen.
Wir grinsten einander an.
„Ich glaub, die Hollywood-Happyend-Begrüßung müssen wir uns für daheim aufheben.“
Ich hatte daheim gesagt und ihr Haus gemeint. Ja, es war wirklich verrückt.