Der Bogen des Smertrios - Vom Kelten, der loszog, die Sonne vom Himmel zu holen

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ISBN 9783749410255

 

 

Norikum, 49 v. Chr.
"Es gibt Männer, die einen Bogen bauen können, ja. Aber es gibt keinen, der so viel von Bögen versteht wie Smertrios. Und es geht nicht um Bögen für die Jagd, es geht um den Sulnatris."

Erneut schwoll Gemurmel an. Der Sulnatris, der Schlangenbogen, der die Sonne beschützte. Jener Bogen, der nur alle neun Jahre in einem Ritual geschossen wurde.

Und ausgerechnet einer, den sie am liebsten verbannt hätten, sollte dieses Heiligtum bauen?


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 Der Druide reichte Smertrios die Reste des Bogens. Smertrios atmete auf. Fast die Hälfte war noch erhalten, wenn auch außen rußig. Er betrachtete ihn sorgfältig, putzte den verkohlten Teil weg, um den Aufbau des Bogens zu erkennen. Er hatte noch nie einen Bogen gesehen, der so kurz und gebogen war. An dem Bruchstück konnte er nun sehen, dass der Bogen aus mehreren Schichten bestand. Nicht nur Sehnen an der Außenseite, wie er sie auch schon manchmal benützt hatte, um schlechtes Holz zu verstärken, sondern auch Horn an der Innenseite.

 Sanna sah ihm neugierig über die Schulter.

 ”Du wirst ihn bauen, ich werde ihn segnen, und dann wirst du mit ihm die Sonne vom Himmel schießen. Schaffst du es nicht, so musst du dich den Göttern opfern, um sie milde zu stimmen. Schaffst du es, sind dir Ruhm und Reichtum gewiss.“ Darrach deutete auf den Bogenrest. ”Die Götter lassen sich nicht täuschen. Er muss diesem völlig gleichen.“

 ”Aber wie kann man die Sonne vom Himmel schießen? Dann ist es doch auf ewig dunkel!“ Sanna hatte den letzten Sonnenschuss nicht miterlebt, sie war damals mit einem schweren Husten im Bett gelegen. Darrach schüttelte missbilligend den Kopf, als müsste dieses Ritual jedem Kind vertraut sein.

 ”Es ist nicht die echte Sonne, Sanna“, sagte Smertrios beruhigend.

 Vater nickte. ”Es ist eine bronzene Scheibe, die hoch oben zwischen zwei Bäumen auf einer Schnur befestigt wird, sodass es aussieht, als wäre es die Sonne. Sie wird zur Tagundnachtgleiche herabgeschossen, dem Tag des Gleichgewichtes zwischen Sonne und Dunkel, und dann in der Erde vergraben, wo sie bis zur Wintersonnwend täglich mit Bier und anderen Opfergaben gestärkt wird, um dann, ehe die Sonne nach der längsten Nacht wieder aufgeht, stärker und ausgeruht im Nemeton den Göttern dargebracht zu werden.“

 ”Und deshalb beschützen die Götter dann unser Dorf, weil wir die Sonne genährt und verwöhnt haben?“

 Darrach nickte.

 ”Wie groß ist die Scheibe? Und wie hoch oben hängt sie?“

 Der Druide ging zu einem hölzernen Kasten an der unverbrannten Wand des Nemeton und entnahm ihm ein Bündel aus feinem Leinen. Als er den Stoff auseinander schlug, sah man in seinen Händen eine goldglänzende Scheibe, die etwa die Größe des Kopfes eines Kleinkindes hatte. Smertrios schluckte. Er wusste, dass die Scheibe zwischen den Wipfeln der beiden Pappeln hängen würde und sie kam ihm erschütternd klein vor. Sanna runzelte die Stirn, sah zu ihrem Bruder hin.

 ”Und die Schützen treffen das?“

 Schweigen. Darrach sah Sanna durchdringend an, doch es war ihr Vater, der antwortete. ”Als ich ein Kind war, wurde sie getroffen. Doch bei den letzten beiden Malen musste sich der Schütze dem Sonnengott opfern, um seine Gunst für das Dorf zu erhalten.“

 Smertrios sah erneut auf den Rest des Sulnatris, dann auf die kleine Scheibe."Und die Pfeile? Welche Pfeile?"

 "Der Bogen ist uns vor langer Zeit von den Göttern geschenkt worden. Gut behandelt, im Haus gelagert und in den nötigen Abständen aufgespannt und wieder abgespannt, hält er ewig -"

 "Und wenn er nicht verbrennt", warf Sanna ein, ein leises Kichern in der Stimme. Darrachs Blick hätte Smertrios dazu gebracht, den Kopf zu senken, doch Sanna sah dem Druiden lächelnd in die Augen.

 "- hält er ewig, doch die Pfeile mit ihren Federn nicht. Der Pfeil ist der Teil des Schützens, den er in das Ritual einbringt. Den Pfeil darf der Schütze selbst wählen."

 ”Kann ich den Schuss machen?“ Sanna wippte auf ihren Füßen auf und ab, als ginge es darum, wer eine zweite Portion Eintopf erhalten durfte.

 "Du bist eine Frau", widersprach Vater sofort. "Und du hast doch gehört, Darrach hat gesagt, Smertrios werde schießen."

 "Aber ich schieße besser als Smertrios. Besser als die meisten Männer im Dorf."

 Damit hatte sie recht. Ihre Chancen, die Sonne vom Himmel zu holen, waren weitaus größer als die von Smertrios. Er war ein ausgezeichneter Bogenbauer, aber nur ein durchschnittlicher Schütze. Sanna hingegen schoss, als wäre sie selbst der Pfeil.

 "Kommt nicht infrage", sagte nun auch Smertrios. "Wenn du nicht triffst, musst du dich den Göttern opfern."

 "Aber ich treffe eher nicht nicht als du!" Sie sah hilfesuchend zu Darrach. "Oder verlangen die Götter, dass der Erbauer des Bogens den Schuss macht?"

 Der Druide schwieg. Er sah von Smertrios zu Sanna, die Augen zu Schlitzen verengt, dann schloss er sie für einen langen Moment. Befragte er die Götter? Als er sie wieder anblickte, sah Smertrios Genugtuung im Gesicht des alten Mannes.

 "Es ist das erste Mal, dass dieser Bogen neu gebaut werden muss. Einst gaben ihn uns die Götter, doch sie haben nicht damit geschossen. So kann wie jedes Mal jener Schütze die Sonne vom Himmel holen, den das Dorf dafür am besten geeignet sieht."

 Sanna blies die Luft aus der Nase. "Das bin gewiss nicht ich. Die Männer lassen nie eine Frau gelten."

 "Aber ich. Und ich bin der, der das bestimmt. Mir gefällt der Gedanke, dass Bruder und Schwester … zwei Kinder desselben Mannes, von einem Blut. Das ist noch viel besser. Doch wenn ihr die Sonne nicht vom Himmel holt, so seid ihr beide des Todes." Seine Augen blitzten auf, als begeistere ihn die Aussicht, den Göttern ein zweifaches Opfer bringen zu können.

 

Geschichtliche Details

Eigentlich wollte ich nach der Kulm-Trilogie keinen historischen Roman mehr schreiben, doch die Kelten haben mich erneut in ihren Bann gezogen.

Dass es in diesem Buch um einen Bogen geht, ist kein Zufall, ist mein Mann doch hauptberuflich Bogenbauer. Inspiration im eigenen Haus ... Wen es reizt, wie Smertrios seinen eigenen Holzbogen zu bauen, der sei auf die Seite meines Mannes verwiesen: meinbogen.at