Es war einmal eine Socke. Sie war eine wunderschöne Socke von herausragender Qualität, dunkelblau mit weißen Sternchen, mit verstärkter Ferse und verstärkter Spitze, ein hochwertiger Baumwoll-Elasthan-Alpaka Mix.
Und doch war sie unglücklich. Denn – ach, die Menschen, sie hatten diese Angewohnheit, Socken immer nur als Paar zu wollen. Und ihre andere Hälfte, ihr Mann, ebenso hübsch und fersenverstärkt wie sie, er war eines Tages nicht wieder in die Sockenlade zurückgekehrt. Zu gut erinnerte sie sich noch, wie sie im Wäschekorb nebeneinander gelegen hatten, ganz nahe an dieser angeberischen Spitzenstrumpfhose, die doch glatt mit ihrem Mann geschäkert hatte. Als sie in die Waschmaschine hinein gesteckt wurden, da hatte sie ihn noch gesehen, ihren Mann, doch dann, in dem Gedränge und Gewühle, dem Auf und Ab und Rundherum, da hatte sie ihn aus den Augen verloren – und seitdem war er verschwunden … Seit jenem Tag lag sie alleine da in der Sockenlade und alle anderen, alle diese Pärchen, die sahen sie mitleidig an. Und ein wenig genervt, denn sie konnte nicht anders, jedesmal, wenn ein Paar aus der Lade geholt wurde, da rief sie ängstlich: „Passt nur auf! Haltet einander fest! Und falls ihr meinem Mann begegnet, sagt ihm, ich warte auf ihn!“
Doch er kam nicht wieder, keiner sah ihn je, und sie rutschte immer tiefer ins Dunkel der Sockenlade.
Ach, was gäbe sie darum, mit ihm vereint zu sein und endlich, endlich wieder aus dieser Sockenlade herauszukommen! Selbst einen Tag in Gummistiefeln würde sie in Kauf nehmen, den kalten Gummikäsegeruch, das elende Hinuntergerutsche und -gekrieche, bis man verrunzelt und zerknittert fast bei den Zehen klebte, dafür aber zumindest das schmatzende Geräusch der nassen Erde hören, die Gespräche der Menschen. Sie war auch durchaus bereit, als Bettsocke herzuhalten, gewiss, da sah man nicht viel und musste es oft mit einem zweiten Paar stinkender Füße aufnehmen oder wurde mitten in der Nacht schwitzig abgestreift, aber ja, alles besser als die Sockenlade...
Vom Traum aller Socken, da wagte sie ja nicht mehr zu träumen, ohnehin war dies doch ein Männersockentraum, den Frauensocken trotz aller Emanzipation meist verwehrt: ein Tag in Sandalen. Oh, die Aussicht! Die frische Luft! Sonnenlicht auf der verstärkten Spitze und Ferse! Sie alle träumten davon … Ein weißes Herren-Tennissocken-Paar hatte ihr im Wäschekorb einmal gar von einer Reise nach Ägypten erzählt! Die hatten die Pyramiden gesehen! Während sie sich mit den Hinterteilen der anderen Socken zufrieden geben musste. Ach, das Leben war schwer und bitter als einsame Witwe, die Chancen, einem passenden Singlesocken zu begegnen, äußerst gering.
Eines Tages öffnete sich die Sockenlade und die Hände der Frau wühlten darin herum, murmelten „Da war doch wo noch eine“ und zogen schließlich sie, die schöne blaue einzelne Socke von herausragender Qualität heraus. Geblendet nach der langen Zeit in der Dunkelheit fühlte sie, wie man sie ins Nebenzimmer trug. Oh, beim Gott der Dehnungsbündchen, nicht in den Mülleimer, bitte nicht in den Mülleimer!
Da wurde sie auf den Tisch gelegt, eine Lampe auf sie gerichtet. War dies ein Verhör? Sie hatte dies einmal im Fernsehen gesehen, als sie mit ihrem Mann einen Tag Haussocken sein durften, selige Zeiten! Aber sie konnte doch nichts dafür, dass er verschwunden war! Sie war unschuldig! Außerdem wäre die Sache doch längst verjährt!
Wieder murmelte die Frau. „Was der Junge für Wünsche hat … sehen alle zu viel amerikanische Serien … und natürlich, sowas fällt ihm am Abend des 23. ein, das geht nicht ein bisschen früher, nein, als hätte ich nicht schon genug zu tun!“ Ein Seufzen. „Aber wenn er es sich eben wünscht ...“
Die Socke wurde hochgehoben. Au! Die Frau hatte sie gepikst! Da, schon wieder! Was, was tat sie denn? Ihr Dehnungsbündchen war völlig in Ordnung, da gab es nichts zu flicken oder stopfen! Was – was sollte diese Schlaufe, die sie ihr angenäht hatte? Heiliger Fersensporn! Keine Bastelarbeit! Lass mich nicht als zerschnittene Socke enden, als Puppenkleid oder Fingerpüppchen! Sie hasste die Kinder, die überall Flecken machten, ihre schönen weißen Sterne hatten mehr als einmal Ketchup abbekommen, wenn der Sohn was der Mutter auf den Fuß gekleckert hatte, einer auf ihrem Mann war nie wieder weiß geworden. Oh, nur nicht zerschneiden, das wäre ihr Tod, in der vollgeräumten Spielzeugkiste zu verstauben, da noch lieber die Sockenlade, unter ihresgleichen!
Nun näherte sich etwas Glitschiges ihrem Sockenschaft, ein heißer, durchsichtiger Patzen Kleber. Oh, das war ja fast so schlimm wie das Kochwäscheprogramm! Und was war das nun? Eine Masche? Die Frau klebte eine Masche auf sie? Das … was war eigentlich ganz hübsch … nicht sehr praktisch in hohen Stiefeln, aber durchaus attraktiv …
Schließlich nahm die Frau die Socke und trug sie ins Wohnzimmer. Das Wohnzimmer, oh, der beste Ort im Haus! Und dann wurde die Socke wieder abgelegt, sie hörte Gehämmer, dann wurde sie wieder hochgenommen und aufgehängt, an ihrer neuen Schlaufe. Direkt beim Kamin.
Und da hing die Socke nun. Die Frau stopfte noch lauter Schokoladekugeln in sie hinein. Schokolade! Also, die roch doch wesentlich besser als Füße, kein Vergleich!
Und die Aussicht! Bester Blick auf das Familienleben von hier oben, statt auf Bodenniveau -- noch dazu hundehaarflusenfrei! Und Sicht auf den Fernseher, durchgehend! Nicht nur, wenn die Frau ausnahmsweise mal die Füße auf den Couchtisch legte.
Aber das allerbeste: Auch nach einem Tag wurde die Socke nicht wie sonst in den Wäschekorb geworfen, sondern sie hing dort, bis es das neue Jahr war, und durfte Weihnachten, die Feiertage und Silvester mit der Familie verbringen, ohne Schweiß, Fußgeruch und Schuhfinsternis.
Ach, es war doch gut, ein einzelner Socken von herausragender Qualität zu sein!
(Marion Wiesler marionwiesler.at)
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