Frau Melchior

 

 

Es war einmal, vor langer Zeit, kurz vor Weihnachten – vor jenem allerersten Weihnachten, ehe noch jemand wusste, dass man es einmal Weihnachten nennen würde. Die drei Weisen aus dem Morgenland hatten sich an diesem Morgen aufgemacht, dem Stern zu folgen, der sie zu dem neuen König führen würde.

 

Frau Melchior winkte ihrem Mann auf seinem Kamel noch eine Weile nach, dann ging sie zu einem gemütlichen Frühstück mit Frau Caspar und Frau Balthasar, bei dem alle drei Damen so taten, als wären sie schrecklich stolz darauf, dass ihre Männer die Ankunft des neuen Königs der Juden in den Sternen gesehen hatten und nun unterwegs waren, ihm zu huldigen. Insgeheim dachte aber jede: „Na, hoffentlich kommen sie gut zurück, im Sternegucken sind sie halt doch besser als im Alltagsleben …“ Andererseits – es gab einen Stern am Himmel, der sie führen würde, da konnten sich ja wohl selbst sie nicht verirren.

 

Als sie wieder daheim war, beschloss Frau Melchior, die Zeit zu nützen und einmal das Sternwartezimmer ihres Mannes aufzuräumen. So ganz war sie mit ihren Gedanken nicht dabei, überlegte ständig, ob denn wohl fünf Unterhosen und drei Paar Socken genug Wäsche waren, die sie ihm eingepackt hatte, ob er wohl vielen hübschen Frauen unterwegs begegnen würde und ob er auch aureichend essen würde – er war ja leider ein wenig heikel, wenn es ums Essen ging … Und weil ihre Gedanken nicht beim Putzen waren, da merkte sie erst, was sie da in Händen hielt, als es ihr aus selbigen zu fallen drohte.

 

Ach du dickes Kamel! Da hatte ihr Mann doch glatt vergessen, das Kistchen mit Gold für den neuen König mitzunehmen! Extra hatte er sein Weib noch auf den Markt geschickt, ein schönes Kistchen mit Intarsien zu besorgen, und da hielt sie es nun, schwer und klimpernd … Ach, wenn man sich nicht um alles kümmerte! Diese Schande, wenn er vor dem König stünde und kein Geschenk dabei hatte!

Also, beschloss Frau Melchior, ihrem Mann das Kistchen mit Gold nachzubringen. Der Hausputz konnte warten, das war nun wichtiger.

Sie packte etwas Gewand und Vorräte und natürlich das Kistchen und machte sich auf ihrem Esel auf den Weg. Keinen Tag Vorsprung hatten die Männer, das würde sie ja hoffentlich einholen.

 

Als sie eine Weile geritten war, saß am Straßenrand eine junge Frau, die hielt ein Kind im Arm und weinte. Frau Melchior hielt an und fragte, was geschehen sei.

„Ach, wir sind arme Leute, wir haben seit Tagen nichts gegessen. Vorhin kamen drei hohe Herren auf ihren Kamelen vorbei, da lief mein Sohn zu ihnen, um um eine milde Gabe zu betteln, doch die drei waren so in ein Gespräch vertieft, dass sie ihn gar nicht sahen und ihn mit ihren Tieren umstießen. Ach, das Leben ist schwer.“

Frau Melchior nickte. Sie konnte die Frau nur zu gut verstehen, es war nicht erst einmal passiert, dass ihr Mann in sie hineingelaufen war, weil seine Nase in einem Buch steckte.

Sie holte das Kistchen mit den Goldmünzen hervor. Ihr Mann war unterwegs zu einem König, aber einem König würde es in seinem Reichtum ja wohl nichts ausmachen, ob da eine Münze mehr oder weniger in dem Kistchen war … Und sie gab eine der Münzen der Frau mit dem Kind.

 

Nachts schlief sie bei einer Bauersfamilie in einem Dorf, die sie freundlich aufnahm. „Verzeih, dass wir dir keine Milch anbieten können, aber unser Emir hat gestern unsere Kuh verlangt, um am Abend drei weise Sterndeuter mit einem guten Braten bewirten zu können.“ Frau Melchior gab auch ihnen eine von den Goldmünzen. Hoffentlich hatte ihr Mann sich bei dem Emir wenigstens gut benommen und nicht nur unverständliches Zeug über die Sterne geredet, dachte sie.

 

Einmal kam sie an einer Gruppe junger Frauen vorbei, junge waren die und hübsch und sie sprachen nur darüber, wie schön und edel die drei Männer auf ihrem Kamelen gewesen waren, die am Tag davor vorbei gekommen waren. Neugierig fragte Frau Melchior, ob sie denn die Männer näher kennengelernt hatten? Da lachten die jungen Frauen. „Ach was“, sagten sie. „Die drei starrten nur auf diesen Stern, der seit einiger Zeit am Himmel steht, und hatten keine Augen für irgendetwas rund um sie!“ Da war Frau Melchior so dankbar, dass sie auch den Frauen eine Goldmünze schenkte.

 

Der Weg war weit und anstrengend, durch viele Dörfer hindurch, an hungernden Leuten vorbei, über Berge und durch Wüsten. Endlich hörte sie davon, dass dort, wo der Stern am Himmel stand, gerade in einem schäbigen Stall der neue König geboren worden war, und dass es nicht mehr weit bis dorthin war.

Ein Baby! Ihr Mann war zu einem Baby unterwegs, nicht zu einem erwachsenen König! Ach du dickes Kamel, was sollte denn ein Baby mit Gaben wie Weihrauch und Myrrhe? Ein König, der in einem schäbigen Stall geboren wurde, der brauchte wohl ganz andere Dinge. Und seine Mutter erst recht, ach, an so etwas dachten ihr Mann und seine Freunde natürlich sicher nicht...

 

Frau Melchior holte die Kiste mit dem Gold heraus. Leicht war sie geworden auf der langen Reise und als sie sie öffnete, befand sich nur noch eine Goldmünze darin. Alle anderen hatten armen Menschen unterwegs geholfen. Die letzte Goldmünze nahm Frau Melchior und kaufte dafür auf dem Basar von Bethlehem Stoff für Windeln, Decken für Mutter und Kind, Lebensmittel für stärkende Suppe und eine Rassel.

 

Vor dem Stall mit dem Jesukind waren inzwischen die Drei Weisen angekommen. Caspar und Balthasar hatten ihre Kistchen mit den Gaben aus ihrem Gepäck geholt und schritten auf die Krippe zu, Weihrauch und Myrrhe dem Heiland darzubieten.

Doch Melchior stand verzweifelt neben seinem Kamel und durchwühlte seine Packtaschen. Das konnte doch nicht sein … Alles war da, sogar die inzwischen dreckigen Socken und Unterhosen, nur das Kistchen mit dem Gold... wo hatte er das nur .. er würde es doch nicht daheim …

Als er hilfesuchend aufsah, gewohnt, dass sein Weib stets in seiner Nähe war und meist nicht nur wusste, was er suchte, sondern auch wo er es verlegt hatte, da stand da tatsächlich sein Weib, einen Esel am Zaum, und hielt ihm das Kistchen hin.

Dankbar küsste er sie und drückte sie an sich, dann eilte er sich, seine Gabe Maria und Josef darzubieten.

 

Mit einem höflichen Lächeln nahm Maria das Kistchen an. Als sie es öffnete, da wurde das Lächeln ehrlich und erfreut. Endlich etwas Nützliches! Denn in dem Kistchen lag ein Zettel, auf dem stand: „Bestätigung über die Benützung von einem Kistchen Goldmünzen für die Unterstützung der Armen und eine Babyausstattung“. Und hinter Melchior stand seine Frau und hielt ihr den Korb mit Essen, Windeln und Decken hin.

 

Als Melchior die Dankbarkeit sah, mit der Maria sich über diese Gabe freute, da küsste er sein Weib gleich noch einmal. Den Geschichtsschreibern gegenüber aber erwähnte er doch nichts davon, sondern sprach lieber von einem Kistchen Gold, das er dem Jesukind gebracht hatte. Welcher Mann der damaligen Zeit sagte denn schon gerne, dass seine Frau mehr über die wichtigen Dinge des Lebens wusste als er selbst? Drum sei es ihm verziehen, denn wir, wir wissen jetzt ja die Wahrheit ...

 

(Marion Wiesler marionwiesler.at)

 

 

 

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