Der kleine Krampus

 

 

Es war einmal, vor nicht allzu langer Zeit, da packte der Nikolo gerade all seine Sachen zusammen, um die Kinder zu besuchen. Sein Freund und Partner, der Krampus, griff nach seiner Rute und der schweren Eisenkette.

Nein“, sagte da der Nikolo. ”Du kannst nicht mitkommen.“
”Och, schon wieder nicht? Letztes Jahr hast du mich schon nicht mitgenommen. Dabei hab ich extra meine Eisenkette entrostet und poliert.“

Nein“, wiederholte der Nikolo. ”Die Zeiten haben sich geändert. Die Eltern wollen nicht mehr, dass man ihren Kindern Angst macht und sie schlägt. Also nicht zu Nikolo, weil brutale Filme dürfen sie oft trotzdem schauen. Und die Kinder haben sich verändert, glaube mir, das ist nichts mehr für dich, alter Kumpel.“

 

Traurig blieb der Krampus zurück. So eine Gemeinheit! Seit Ewigkeiten war er mit dem Nikolo durch die Gegend gezogen und hatte die Kinder erschreckt und die schlimmen Kinder bestraft. Nein, er würde sich das nicht verbieten lassen! Er war der Krampus!

Und so packte er seine Eisenkette und seine Rute aus Haselzweigen, bürstete sein schwarzes Fell und polierte seine Hörner und spazierte kurz darauf durch die Gassen. 

Da kam eine Gruppe Burschen auf ihn zu, die waren vielleicht zwölf oder dreizehn, coole Jungs halt.

He, schaut mal, da ist einer vom Perchtenlauf übrig geblieben! Der hat sich wohl verlaufen!“

Endlich, Kinder! Der Krampus knallte mit seiner Rute auf den Boden, streckte seine lange Zunge heraus.

Mann, wie lahm! Die beim Perchtenlauf haben Feuer gehabt, der ist ja voll fad!“

Der Krampus bemühte sich, seine furchterregendsten Bewegungen zu machen, er riss die Augen auf, schnitt Grimassen, schepperte mit seiner Kette, aber die Jungs waren nicht beeindruckt. Und je mehr sie lachten und ihn verspotteten, umso kleiner wurde der Krampus. Als die Jungs weiterzogen, da war der Krampus gerade noch so groß wie ein Erstklässler. Ein kleiner Erstklässler.

 

Traurig spazierte er durch die Gegend, und hoffte, den Nikolo zu finden. So kam er aus dem Dorf heraus und als es begann, finster zu werden, da fand er sich in einem tiefen Wald. In der Ferne konnte er das Licht einer kleinen Hütte sehen, und dort ging er hin. Schüchtern klopfte der kleine Krampus an die Türe. Eine alte Frau mit dicken Brillen öffnete ihm.

Oh, wer bist denn du? Du armes Kind, komm nur rein, es ist viel zu kalt da draußen!“

Die Alte, die sehr schlecht sehen konnte, hielt den Krampus für ein Flüchtlingskind, denn in den letzten Jahren gab es viele Flüchtlingskinder in der Umgebung. Sie führte ihn in die Stube hinein, wo ein wohliges Feuer im Holzherd knisterte, und setzte ihn zu ihrem kleinen Enkel, der am Tisch saß. Dann gab sie ihm eine Schüssel voll Suppe und nach dem Essen schickte sie die beiden Kinder zum Spielen.

Der Enkelsohn war erst ein wenig schüchtern vor diesem dunklen, behaarten, behornten Kind, aber da seine Oma freundlich zu ihm war, wollte er es gerne auch sein.

Lass uns rausgehen in den Wald“, sagte der kleine Krampus. ”Da kann ich dir zeigen, wie toll ich meine Rute knallen kann!“

Nein“, sagte der Bub, ”das geht nicht. Ich hab keine Winterjacke und keine warmen Stiefel, und ich bin eh schon verkühlt.“

Nun, dann zeig mir dein Zimmer und deine Spielsachen!“

Ich hab kein Zimmer, ich schlaf hier beim Holzherd. Und ich hab keine Spielsachen, nur dieses kleine Auto, das ich mir selbst gebastelt habe.“

Und so spielten sie mit dem kleinen Auto und der Krampus und der Junge hatten viel Spaß. Als es Schlafenszeit war, da stellte der kleine Junge noch einen alten Gummistiefel neben die Haustüre. ”Heute kommt der Nikolo! Vielleicht bringt er mir ja Äpfel und Nüsse!“

Dann bereitete die Oma den beiden ein Lager neben dem Ofen, deckte sie gut zu und erzählte ihnen noch eine Gute Nacht Geschichte.

 

Als der Junge schon eingeschlafen war, da lag der kleine Krampus noch lange wach. Wie schön das war, hier beim Feuer, und wie nett das war, zu spielen.

Als er von draußen ein leises Geräusch hörte, schlich er zur Tür. Da stand gerade der Nikolo und füllte Äpfel und Nüsse in den Gummistiefel.

Nikolo! Wie schön dich zu sehen!“, rief der Krampus.

Der Nikolo brauchte einen Moment, bis er den Krampus erkannte. ”Was ist denn mit dir passiert?“

Da erzählte ihm der Krampus von seinen Erlebnissen. Und er bat den Nikolo um einen Gefallen.

Bevor der Krampus dann mit dem Nikolo weiterzog, ließ er noch seinen Sack mit Kohlen neben dem Holzofen stehen, die alte Frau konnte die Kohle gewiss gut zum Heizen brauchen.

 

Als am nächsten Morgen der kleine Bub aufwachte, da lag er alleine vor dem Feuer. Doch als er zur Tür eilte, da stand da sein gefüllter Stiefel.

”Oma, Oma, der Nikolo war da!“

Da waren Äpfel und Nüsse, doch als er tiefer schaute, da waren dann ein paar kleine Spielzeug-Autos, ein Schokoladekrampus, der ihm zuzuzwinkern schien, und noch weiter unten waren Schokomünzen im Stiefel. Die kennt ihr sicher, so Schokoladescheiben, die in Goldpapier gewickelt sind und wie Münzen aussehen. Der Bub aß eine, war das herrlich! Doch als er die zweite Münze auspacken wollte, ging es nicht. Ebenso wenig die dritte, vierte, fünfte. Er lief zu seiner Oma, die erstaunt feststellte, dass im Stiefel ihres Enkels lauter echte Goldmünzen waren. Nun konnte sie ihm Stiefel und Winterjacke kaufen und gutes Essen und eine Schultasche und und und.

 

Und der kleine Krampus? Er wuchs wieder, aber er vergaß nie die Nacht, in der er wie ein Kind gespielt hatte.

 

(Marion Wiesler marionwiesler.at)

 

 

Wenn du allgemein Märchen und Geschichten liebst, nicht nur zu Weihnachten, so findest du in meinen Märchenbüchern und Geschichtenvideos noch viele weitere.