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Bären

Zwei Bären und der Titel Fakten - Bären

Manchmal ist Recherche mühsam und auch langweilig – wenn man z.B. ein bestimmtes Detail versucht zu verifizieren, das man irgendwo irgendwann mal gehört/gelesen hat, ohne sich zu erinnern, wann und wo (Es soll Autoren geben, die sich all diese Dinge sofort aufschreiben, ich zähle nicht dazu.) – und manchmal bedeutet Recherche einen wunderschönen Ausflug machen, wie heute.

 

Derzeit arbeite ich ja am (vorläufig?) letzten Band meiner Celtoia Welt, der Geschichte der Tochter meiner Hauptfigur, der Wortflechterin. Artura Bärenkind wird das Buch heißen und hoffentlich Ende des Jahres erscheinen. Und aufgrund des Titels und der Geschichte kommt darin – richtig geraten – ein Bär vor. Also bin ich heute nach Ehrenhausen gefahren, auf den Bärenhof Berghausen, und habe mir einige Stunden Bärenbetrachtung und Gespräch mit dem Besitzer gegeben. Gegönnt, muss man sagen.

 

Meine Erkenntnisse und die Antworten, die ich erhalten habe, möchte ich euch hier kurz vorstellen.

 

Erkenntnis 1:

Bären können nicht leugnen, dass sie zu den Hundeartigen gehören. Beim Betrachten der Herrschaften sah ich ständig Vergleiche mit meiner Labradorhündin vor mir. Unsere Lucy zählt bald 12 Jahre und ist daher eine alte, gemütliche Dame, die ebenso mitleidsheischend dreinblicken kann wie die Bären und sich auch ebenso schwerfällig bewegt.

 

Daraus folgende Neben-Erkenntnis: wenn ich also beim Schreiben nicht mehr sicher bin, wie sich die Bären bewegen, muss ich wohl nur meinen Hund beobachten und ihm ein wenig mehr Fülle und Fell verpassen …

Erkenntnis 2:

Nicht überraschend, aber jeder Bär ist eine Persönlichkeit und man entwickelt sofort gewisse Sympathien, verweilt bei dem einen Gehege länger als bei dem anderen.

 

Erkenntnis 3:

Ich habe mich in Bärenpopos verliebt … Ein Bär von hinten, ein Bär, der sich ins Sitzen plumpsen lässt, es erinnert an einen tollpatschigen Einjährigen in dicken (wenngleich pelzigen) Windeln … Und dann schwingen sie ihren Popo auch noch so 50er-Jahre-Hollywoodstar-mäßig hin und her, wenn sie vor sich hintrotten … (und das mit ganz unsexy einwärts gedrehten Hinterpfoten…)

Aber abseits der Erkenntnisse ging es natürlich auch um Fakten und ich bin Hermann Skof sehr dankbar, dass er sich die Zeit nahm, mir von den Tieren zu erzählen und meine Fragen zu beantworten (von denen manche vielleicht ungewöhnlich waren, aber wann fragen Autoren schon nur normale Dinge?)

 

Hier erst einmal ein paar Fakten, die man überall recherchieren kann, dann meine Fragen an den Fachmann.

 

Bären (Ursidae) gehören, wie schon erwähnt, zu den Hundeartigen. Männchen sind größer als Weibchen, die Schulterhöhen liegen zwischen 90 und 150 cm (Grizzly). Sie sind auch schwerer, mit bis zu 300 kg, während Weibchen um die 150-200 wiegen. Wobei sich das Gewicht der Bären im Jahreslauf sehr verändert und dem Winter zu am schwersten ist. Nach dem Winterschlaf sind sie regelrecht dünn. Sie sind Sohlengänger mit 5 nicht-einziehbaren langen Krallen. Braunbären sind Allesfresser und haben 42 Zähne von teilweise beeindruckender Größe. Braunbären haben im Verhältnis zur Kopfgröße recht kleine Augen, dafür ist ihr Geruchssinn äußerst ausgeprägt (so riechen Männchen ein Weibchen aus 40 KILOMETER Entfernung). Der Braunbär ist überall auf der Welt, wo es Bären gibt, Teil vieler Mythologien und Legenden.

 

Wie ist bei Bären der Unterschied zwischen Männchen und Weibchen, mit welchen ist der Umgang einfacher?

Männchen, auch nicht kastrierte, sind einfacher zu handhaben, Weibchen neigen auch ohne Junge an ihrer Seite zu mehr Aggression, wohl weil sie sich in der Natur stets gegen die größeren und schweren Männchen verteidigen müssen.

 

Am Bärenhof gibt es nur zwei Weibchen. Heidi wurde früher als Hundekampfbärin missbraucht – das Foto, das sie mit zerbissenem, blutigen Kopf zeigt, ist grauenvoll. (Sie bleibt aber erstaunlich gelassen, als zwei riesige Hunde an ihrem Gehege stehen, offenbar weiß sie ganz genau, dass die doppelten Gitterreihen sie schützen.) Ihre Gehege-Gefährtin Heidi kam trächtig von einem Zirkus an den Bärenhof, sie ist entzückend klein (also, im Verhältnis zu den Bärenherren) und hat den wohl hübschesten, runden Po …

 

Ursprünglich hatte ich geplant, dass der Bär in meinem Buch ein Weibchen ist, im Augenblick bin ich nun nicht sicher. Einerseits sollte er nämlich richtig beeindruckend sein (und das sind die Männchen mit ihrer Größe einfach viel mehr), andererseits ist er kein wilder Bär, sondern ein Tanzbär (ja, die gab es wohl auch schon im letzten Jahrhundert vor Christus, auch wenn Hundekampfbären üblicher waren, doch ich habe eine keltische Münze mit einem Mann mit aufrechtem Bären gesehen), wofür ein Männchen wohl auch besser geeignet wäre … mal sehen.

 

Wie viel frisst ein Bär, je nach Jahreszeit?

Da Bären ja Winterschlaf halten, ist ihre Futteraufnahme unterschiedlich. Prinzipiell sind sie Allesfresser und grasen auch gerne, vor allem nach dem Winter. Am Bärenhof erhalten sie Gemüse, Obst, Fisch, aber auch Fleisch (wie in allen Zoos bei Raubtieren im Ganzen mit Fell, da das Fell wichtig für die Verdauung ist). Jetzt (Anfang April), etwa 2 Wochen, nachdem sie aus dem Winterschlaf erwacht sind, befinden sich die Bären noch in der Aufbauphase, wo sich ihr Körper erst wieder an die Nahrungsaufnahme gewöhnen muss. Derzeit fressen sie pro Tag etwa 10 000 kcal (im Vergleich: ein Mensch braucht etwa 2 000 - 2 500), zum Sommer hin dann 25 000 kcal pro Tag (das zehnfache eines Menschen also, wobei ein Bär aber nicht 10x so schwer ist wie ein erwachsener Mann). Ab Mitte November wird die Fütterung dann langsam eingestellt und mit Dezember beendet, damit die Bären in den Winterschlaf gehen.

 

Wie alt werden Braunbären?

In der freien Natur maximal 20 Jahre, Grizzlys haben überhaupt ein Durchschnittsalter von nur 8 Jahren, wobei hier der Durchschnitt stark durch die vielen Tötungen der Jungtiere gedrückt wird.

Der älteste Bär am Bärenhof zählt stolze 44 Jahre, schläft aber fast nur noch. (Trauriges Detail am Rande: keiner der Bären am Bärenhof starb von selbst. In der Natur würden die Tiere einfach irgendwann verhungern, wenn sie nicht mehr fit genug sind, Nahrung zu suchen. Hier bringt man es natürlich nicht über sich, sie verhungern zu lassen, sodass sie irgendwann, wenn sie zu alt und schwach sind, sich noch zu erheben, erlöst werden müssen. Das sei jedes Mal ganz schrecklich, schließlich hat man zu den Tieren eine enge Beziehung, so wie zu einem Familienhund.)

 

Selbst der jüngste Bär am Bärenhof, Raunzer, der hier geboren wurde, da seine Mutter Gretel trächtig hierher kam, ist schon 21 Jahre alt.

Der Unterschied zwischen Raunzer und den Senioren ist aber auffällig, er ist wesentlich agiler und bewegungsfreudiger, die anderen richtig „faule Hunde“, die sich zweimal überlegen, ob es wert ist, für ein Stück Karotte aufzustehen (wovon man sich besser mal nicht täuschen lässt, so ein Bär kann mehr als 50 km/h schnell rennen).

 

Auch da muss ich noch überlegen, wie alt ich „meinen“ Bären sein lasse. Zu alt wohl nicht, denn Fintan hat ihn als Bärenjunges gefunden und Fintan ist etwa 22.

 

Wachsen die Krallen der Bären ihr ganzes Leben lang?

Ich kenne es von unseren Hunden, je älter sie werden, umso länger werden ihre Krallen, selbst wenn man sie regelmäßig stutzt. Bei Bären ist es ebenso. Werden sie jedoch zu lang – da die Bären am Bärenhof trotz ihrer großen Gehege nicht kilometerlange Wanderungen auf Futtersuche machen müssen, bei denen sie ihre Krallen abwetzen, und auch nicht nach Wurzeln graben – müssen sie aber manchmal unter Narkose gestutzt werden.

Wenn ich sehe, was für ein Theater mein Hund schon macht, wenn ich ihm Krallen schneide, wäre ihm eine Narkose sicher auch recht … In einer Doku über Tanzbären habe ich gesehen, wie sowas ohne Narkose geschieht, nicht schön anzusehen, wenn so ein Bär gefesselt von 5 Männern an Seilen zu Boden gehalten wird und das Blut nur so aus seinen Pfoten spritzt, weil vorsichtig wird da (in Rumänien war das in der Doku glaube ich) von den Bärenführern nicht gearbeitet …

 

Gibt es einen Unterschied zwischen Raunzer, der hier geboren wurde, und den anderen Bären?

Laut Hermann Skof nicht. Aber wenn man ihn mit den Bären beobachtet, dann gibt er selbst zu, dass er mit Raunzer viel näher umgehen kann als mit den anderen. Raunzer nimmt ihm sogar ganz vorsichtig ein Stück Karotte aus dem Mund (durch die Gitterstäbe hindurch. Betreten wird das Gehege nur, wenn die Bären in den hinteren, abgetrennten und sehr weitläufigen Bereichen „eingesperrt“ sind.)

Das war überhaupt faszinierend zu beobachten, Hermann Skof hat auf die Gitter kleine Karottenstücke gelegt, sodass Raunzer (und Fritz) sich aufstellen mussten, sie zu erlangen. Kein einziges fiel hinunter, als sie mit ihren beweglichen Lippen die Stückchen vorsichtig herunterholten. Also, ich könnte das nicht … :-)

 

Haaren Bären, sprich, verlieren sie im Frühjahr ihren Winterpelz?

Ja. Am liebsten „kämmen“ sie sich mit ihren Krallen in den Wasserbecken, sodass dort dann im späten Frühling pro Tag durchaus schon mal ein Kilo Haare rumschwimmt.

Hm. Das muss ich meiner Hündin auch noch beibringen, die lässt ihre Haare immer überall – vorzugsweise an meinen Hosen und den Polstermöbeln …

 

Ich überlege, ob ich mit diesem Wissen noch etwas mache im Buch. Vielleicht entstehen Amulette aus Bärenhaar?

 

Was tun, wenn man einem Bären begegnet?

In den meisten Büchern, auf allen Campingplätzen in Canada, heißt es, im Bärengebiet Lärm machen, weil die Bären meist ohnehin nichts neugierig sind, einem zu begegnen; Bären ja nicht füttern oder Selfies mit ihnen machen wollen (nichts schlimmer als ein Bär, der seine Scheu vor Menschen verliert, weil er sie mit Futter assoziert – wenn dann kein Futter kommt, muss eben der Mensch das Futter sein); ja nicht davonlaufen oder auf einen Baum klettern, sondern erst einmal groß machen, den Bären quasi einschüchtern (das betrifft vor allem in Nordamerika die wesentlich kleineren Schwarzbären), und wenn das nicht hilft, sich zusammenkauern, Nacken und Kopf mit Rucksack und Armen schützen (und beten).

 

Das kann helfen. Aber wenn wir ehrlich sind – wenn so ein Bär will, dann nützen auch Rucksack und Arme nicht … oder tot stellen, was auch oft geraten wird. Bären sind schließlich (auch) Aasfresser … Aber natürlich ist all das besser als davonlaufen und damit den Jagdtrieb erwecken.

 

Herman Skof meint, bei seinen Bären hat er festgestellt, dass es viel am Augenkontakt liegt. Solange er die Tiere „im Auge hat“, benehmen sie sich. Würde er ihnen aber den Rücken kehren, könnte es durchaus sein, dass sie ihm einen Prankenhieb verpassen würden. Vielleicht ja gar nicht böse gemeint, gar nicht aus Aggression, sondern mehr als „he, dreh dich um“ – nur steckt in so einer Bärenpranke und erst recht in einem Bärenmaul eine ungeheure Kraft. Als Beispiel – Achtung, nix für zarte Seelen: Wie alle Zoos, die Raubtiere halten, werden auch am Bärenhof Ziegen und andere Tiere gehalten (und dürfen sich fleißig vermehren, sodass sich alle Besucher über die süßen Zicklein und Häschen freuen...), die irgendwann vom Streichelzoo in die Futterkammer wechseln. Als man einmal zwei der Bären eine (sachgemäß geschlachtete) Ziege ins Gehege gab, teilten sie sich diese brüderlich – indem der eine vorne anpackte, der andere hinten, und sie ohne die geringste Kraftanstrengung den Ziegenkörper auseinanderzogen, dass er wie mit einem Reißverschluss in zwei Teile gerissen wurde. Ohne die geringste Kraftanstrengung ...

 

Und dann sieht man sie wieder, wie sie mit ihren langen Krallen ein Stückchen Karotte zwischen den Gitterstäben hereinangeln, behutsam und zärtlich …

 

Bären sind eigentlich Einzelgänger, dennoch werden sie am Bärenhof vergesellschaftet. Wieso?

Bären in der freien Wildbahn gehen einander die meiste Zeit aus dem Weg, nur zur Paarungszeit sind sie zu zweit unterwegs. Und in Canada z.B. dann, wenn die Lachswanderungen sind, da leben die Bären friedlich in Scharen gemeinsam am Fluss. Sprich, wenn es genügend Futter gibt, ist es kein Problem, und das ist am Bärenhof ja gegeben. Da ein Gehege, egal wie groß, nie die selben Anregungen bieten kann wie die Natur, in der Bären ständig anderen Tieren (Wölfe, Rehe, Füchse, ….) begegnen, so ist die Vergesellschaftung eine Möglichkeit, ihnen etwas Abwechslung und Unterhaltung zu bieten.

 

Wobei ich glaube, dass nun, wo der Bärenhof nach der Winterpause wieder geöffnet hat, wir Besucher die beste Abwechslung waren, das Fernsehprogramm der Bären quasi.

Und ich frage mich, was sich so ein Bär wohl über uns Menschen denkt …

 

 

Oft sind es für uns Autoren aber ja nicht einmal die Fakten, die so einen Tag so wertvoll fürs Schreiben machen, sondern das Gefühl, das dabei entsteht. Die Rhythmen, die man bei den Tieren beobachtet. Die kleinen Bewegungen, ein Hochziehen der Lefze, ein tollpatschiges aus dem Wasser Klettern, das satte Plumpsen beim Hinsetzen. Das kann kein Fachbuch ersetzen. Eine gute Doku kann Bilder liefern, die man auch im Zoo nicht sieht, weil man doch nicht so nah rankommt wie das Tele des Naturfilmers, weil man nicht alle Lebens- und Jahressituationen miterleben kann, die eine Doku oft begleitet, aber das Gefühl im Zoo - oder eben am Bärenhof - ist dennoch direkter, persönlicher, wenn man den Tieren im wahrsten Sinne des Wortes in die Augen blickt.

 

Ich hoffe, in Artura Bärenkind den Bären gerecht zu werden.

 

 

Wer Heidi, Gretel, Fritz, Raunzer und die anderen auch besuchen will, findet hier die Details (und wesentlich bessere Fotos als meine):

https://www.baerenhof-berghausen.com/

 


CELTOIA

Eine Bücherwelt angesiedelt im Noricum der späten Eisenzeit, inzwischen mehr als 13 Romane voller Spannung, Abenteuer und Liebe.

Tauch ein in die Welt der Kelten und fühle den Pulsschlag jener Zeit in dir!

 

Bücher der Buchwelt Celtoia
Celtoia -- meine Buchwelt zur späten Eisenzeit (und ein paar verbundene Ableger)

Randbemerkung: Ich bin Autorin, keine Historikerin, Archäologin oder Zeitreisende (das wäre spannend ...), ich gebe in meinem Blog einerseits nur meine Meinung weiter und andererseits Wissensbissen, die ich im Zuge meiner Recherchen für meine Keltenromane aus den verschiedensten Quellen zusammengetragen habe. Da ich jemand bin, der sich zwar Informationen und Geschichten merkt, aber nicht wissenschaftlich arbeitet, verzeiht bitte, dass ich (meist) keine Quellenangaben mache, schon gar nicht zu Wissensbissen, die man in vielen Quellen findet.

 

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