Ich möchte in diesem Beitrag nun nicht über die derzeitige Weltlage sprechen, über Politik oder KI, sondern – wie kann es bei einer Autorin anders sein – über Dystopie und Utopie in Büchern. Denn wenn wir Genres und Bücher genauer betrachten, so teilen sie sich in diese zwei Begriffe. Und sowohl dystopische Lektüre als auch utopische haben Auswirkungen auf unser Denken und unsere Entwicklung.
Begriffserklärung
Erst einmal aber eine Erklärung dieser beiden Begriffe:
Laut Duden ist eine Dystopie
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das Vorkommen von Organen an ungewöhnlichen Stellen. Gebrauch Medizin (das trifft nun auf Bücher und Autoren üblicherweise nicht zu)
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fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung o. Ä. mit negativem Ausgang
Eine Utopie ist laut Duden wiederum „undurchführbar erscheinender Plan; Idee ohne reale Grundlage“.
In meinen Augen greift der Duden mit beiden Erklärungen zu kurz. Ursprünglich kommt das Wort Utopia aus dem griechischen und bedeutet ou = nicht und tópos = Ort, Stelle, Land, also eigentlich = Nichtland, Nirgendwo. Gerne wird aber auch von Eutopia geredet, gerade als Gegensatz zur Dystopie, was nicht mit der EU zu tun hat, sondern griechisch eu = gut und ist damit das, was wir eigentlich meinen, wenn wir bei Büchern von utopisch reden. (Wobei, als Autor erscheint einem das erfolgreiche Bücherschreiben an manchen Tagen durchaus als Utopie im Sinne von „undurchführbar erscheinender Plan; Idee ohne reale Grundlage“.)
Der Begriff Utopia entstand im 15. Jahrhundert, als der Engländer Thomas Moore in seinem Buch „Utopia“ das Bild einer idealen Republik entworfen hat.
Wikipedia greift hier etwas weiter:
„Eine Dystopie ist eine meist in der Zukunft spielende Erzählung, in der eine erschreckende oder nicht wünschenswerte Gesellschaftsordnung dargestellt wird.“ Und „Eine Utopie ist der Entwurf einer möglichen, zukünftigen, meist aber fiktiven Lebensform oder Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist.“
Dystopie und Utopie in Literatur Genres
Die Grundgedanken von Dystopie und Utopie (genauer gesagt Eutopie) ziehen sich aber durch alle Literatur und wenn wir so wollen, fügen sich die meisten Genres in einen der beiden Begriffe (mehr oder weniger je nach Subgenre) ein. Spannend hierbei finde ich nicht die Gliederung und Definition, sondern was dies auf einer tieferen Ebene für LeserInnen und AutorInnen bedeutet.
Dystopische Genres
Greift man den Begriff Dystopie nicht so eng, wie der Duden es tut, so fallen hier folgende Genres hinein:
- Krimi
- Thriller
- Dark Romance
- Horror
Interessanterweise aber nicht unbedingt SciFi, obwohl es in der Zukunft angesetzt ist. Aber SciFi kann sowohl dystopisch als auch utopisch/eutopisch sein.
Utopische / eutopische Genres
- Liebesromane, Romance
- Fantasy
- Humor
Wie wir sehen, befinden sich die beiden beliebtesten Genres, nämlich Krimi und Romance an den gegenüberliegenden Punkten dieses Spektrums und man könnte nun sagen, dass das eine Pessimisten und das andere Optimisten wohl eher anspricht, was aber so nicht ganz stimmt. Sehr wohl aber erzeugen die beiden Genres, bzw. das Lesen von Dystopien vs. Utopien, verschiedene Effekte in unseren Gehirnen. Spannend hierbei finde ich als Randbemerkung, dass Krimis prozentuell mehr männliche Leser haben und Romance (weitaus) mehr Leserinnen, durchaus ein Punkt für weitere Studien.
Die beiden „zeitbasierten“ Genres SciFi und Historische Romane können beides sein, dystopisch oder eutopisch, tendentiell sind sie aber eher eutopisch („Die gute alte Zeit“).
Auswirkungen von dystopischer Lektüre
Horror, Krimi, Thriller, heutzutage vor allem Dark Romance: Genres, wo man sich als Mutter durchaus Sorgen macht, was das Kind denn an Weltbild aufsaugt, wenn es solche Bücher liest. Die Faszination des Grauens ist gerade manchen Frauen und Müttern einfach nicht verständlich. Seit Dark Romance boomt, haben wir Angst, dass unsere Töchter dies als „so haben also Beziehungen zu sein“ übernehmen, da sie ja selbst noch keine Erfahrungen haben. Wenn Jungs Horror und Thriller lesen (so sie zu den wenigen Jungs gehören, die überhaupt lesen), haben wir Sorge, dass dies ihre Gewaltbereitschaft erhöht. (Ja, Sorgen-haben ist Teil der Jobbeschreibung als Mutter.)
In den 90er Jahren gab es eine Studie in den USA (ein ganzes Buch darüber hieß „Der Feind im Wohnzimmer“, wenn ich mich richtig erinnere), die sagte, dass mehr als ein Drittel aller (befragten) Achtzehnjährigen der Meinung waren, nicht älter als dreißig zu werden, weil ja überall so viele Verbrechen geschehen. Ihre Meinung war nicht durch die Nachrichten in TV und Radio entstanden, sondern weil im „Unterhaltungsprogramm“ des Fernsehens so viele Krimis liefen. Und man braucht sich ja nur unser Fernsehprogramm ansehen, wie viele Morde alleine passieren, die von Soko Donau, dem Bullen von Tölz, den Rosenheim-Cops und anderen Ermittlern in Österreich und Deutschland jede Woche gelöst werden müssen. Unser Gehirn kann nicht unterscheiden zwischen dem, was wirklich geschieht und dem, was uns als „wirklich“ präsentiert wird, der hormonelle und unterbewusste Effekt ist derselbe.
Studien beweisen aber (und mein Nudelsieb-Hirn hat sich natürlich mal wieder nicht die genaue Quelle aufgeschrieben), dass solche Bücher durchaus auch positive Auswirkungen auf unser Leben haben:
Abgesehen davon, dass Krimis einfach auch unseren Rästel-lös-Trieb befriedigen und damit unser logisches Denken fördern, fördern Thriller, Horror und auch Dark Romance auch unsere Resilienz. Seit Anbeginn unseres Mensch-Seins steht Überleben ganz oben auf unserer Prioritätenliste und wir tun dies unter anderem auch dadurch, dass wir aus den Fehlern anderer lernen. Dies ist z.B. auch der Grund, warum Menschen fasziniert stehen bleiben und „gaffen“, wenn wo ein Unfall o.ä. passiert. Diese Schaulust dient uns dazu, zu lernen: „Aha, der hat dies gemacht, das hatte jene Folgen. Das war gut/schlecht, was er gemacht hat, weil er hat überlebt/ist tot oder verletzt. Was würde ich machen, wenn ich in solch eine Situation käme?“ Und sollte ich dann wirklich einmal in derselben oder einer ähnlichen Lage sein, so hat mein Gehirn bereits Verhaltensweisen abgespeichert, die hilfreich oder schädlich sein könnten und kann rascher reagieren.
Insofern ist es mir eigentlich lieber, meine Tochter liest Dark Romance als Splatter-Horror, denn sie wird in ihrem realen Leben wohl eher mit narzisstischen, machtgierigen Kerlen zu tun haben als mit Eingeweide-fressenden Zombie-Aliens … Der Lerneffekt ist also sinnvoller eingesetzt ...
Auswirkungen von utopischer / eutopischer Lektüre
Eutopische Lektüre zeigt uns eine Welt, wie sie sein könnte, und zwar eine positive Welt. Die Liebenden haben ihr Happy End, und selbst wenn Frodo sich durch Mordor kämpfen muss, das Gute siegt am Schluss. (Was es auch im Krimi meistens tut, insofern hat Krimi auch eutopische Elemente, aber Krimi formt keine eutopische Welt.)
Das ist etwas, das ich an Fantasy liebe. Selbst wenn viel Fantasy in einem pseudo-mittelalterlichen Setting daherkommt (was vielleicht auch etwas über unsere inneren Wünsche aussagt), so bietet gerade Fantasy die Möglichkeit, uns aufzuzeigen, wie eine Welt sein könnte, die so ganz anders ist als unsere. Fantasy kann Denkmuster aufbrechen und uns zeigen, wie ein Auenland funktionieren könnte, wie Menschen miteinander umgehen, die eine Utopie leben.
(Vielleicht einer der Gründe, warum mehr Männer Romance lesen sollten, um den Lerneffekt zu nützen …)
Wo Horror und Thriller meist die Grenzen des vorstellbaren Grauens erweitern und da vielleicht abhärten (Weswegen es inzwischen ein Serienmörder sein muss, die Taten immer perfider und grauslicher werden müssen … und leider durchaus auch Anregungen für Täter darstellen, wie ein Gerichtsmediziner sagte: Nach fast jedem Tatort hatte er irgendwann eine Leiche am Tisch, die davon inspiriert war.), so können Liebesromane und Fantasy Hoffnung verbreiten und uns neue Wege finden lassen. Festzustellen, dass der Status Quo nicht in Stein gemeißelt ist, sondern der Umgang zwischen Menschen, die Gesellschaftsordnung, die Welt an sich auch ganz ganz anders sein könnten, macht etwas mit uns. Diese Freiheit des Denkens, die dadurch entsteht, bildet ein enormes Potential in Konflikt- und Problemlösungen, weil man nicht mehr unbedingt in vorgefertigten Bahnen denkt.
Selbst Liebesromane können dies auf persönlicher Ebene erreichen: „Aha, das Mauerblümchen wurde auch glücklich, weil … Wenn ich also auch so mutig/kreativ/was-auch-immer bin, dann ist Einsamkeit also doch kein Schicksal.“
Fantasy- oder Romance zu lesen ist also keine Flucht vor der realen Welt, wie es einem oft vorgeworfen wird, kein Eskapismus, sondern ebenso ein Lernpotential und schafft eine Resilienz in anderer Form: den Glauben an das Gute nicht zu verlieren, an das Potential der Zukunft, ein Glaube, der den Dystopie-Liebhabern manchmal fehlt. Denn auch wenn sie sich unbewusst aneignen, wie sie mit einer Alien-Invasion oder einem Serienmörder umgehen würden, ein Teil ihres Gehirns ist eben auch überzeugt, dass dieses Wissen in ihrem Leben durchaus einmal von Nutzen sein könnte, sprich: sie einem Serienmörder oder Zombie begegnen könnten.
Wo Dystopie uns lehrt, Krisen zu überleben und zu meistern, lehrt Eutopie uns, (danach) ein gutes Leben und eine gute Welt aufzubauen und nicht in der Krise zu verzweifeln.
Das Fazit also: egal, welches Genre ihr lest, wenn es ein gutes Buch ist, wird es euch verändern und stärken!
CELTOIA
Eine Bücherwelt angesiedelt im Noricum der späten Eisenzeit, inzwischen mehr als 13 Romane voller Spannung, Abenteuer und Liebe.
Tauch ein in die Welt der Kelten und fühle den Pulsschlag jener Zeit in dir!
Randbemerkung: Ich bin Autorin, keine Historikerin, Archäologin oder Zeitreisende (das wäre spannend ...), ich gebe in meinem Blog einerseits nur meine Meinung weiter und andererseits Wissensbissen, die ich im Zuge meiner Recherchen für meine Keltenromane aus den verschiedensten Quellen zusammengetragen habe. Da ich jemand bin, der sich zwar Informationen und Geschichten merkt, aber nicht wissenschaftlich arbeitet, verzeiht bitte, dass ich (meist) keine Quellenangaben mache, schon gar nicht zu Wissensbissen, die man in vielen Quellen findet.
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